Saturday, August 1, 2026

Neue Leiden des jungen Bahnfahrers (11)

Nach Wien .... in einem Tag?


Ich hab mir große Mühe gegeben um meinen Kindern das Bahnfahren schmackhaft zu machen. Die deutsche Bahn gibt sich große Mühe um ihnen das Bahnfahren zu vergraulen.

Meine Tochter studiert für ein Semester in Wien. Unter dem sponsernden Einfluss ihres Vaters hat sie sich ein Interrail Ticket gekauft um mit dem Zug von Amsterdam nach Wien und zurück zu fahren. Sie fährt gern mit dem Zug. Darum hat sie für die Hinreise nicht den durchgehenden Nachtzug von Amsterdam nach Wien genommen sondern will die Strecke in einem Tag zurücklegen.


Am 18.10.2023 war der Night-jet nach Wien so stark verspätet, dass man die Rangierbewegungen morgens um 10 in Nürnberg Hbf bei Tageslicht beobachten konnte

Die NS versucht den Ansturm von willigen Fahrgästen in geordnete Bahnen zu lenken. Anstatt darüber nachzudenken wie man für zusätzliche Fahrgäste mehr Züge einsetzen könnte hat man sich für eine Limitierung der Fahrgäste und Einnahmen entschieden und für die internationalen Züge eine Reservierungspflicht eingeführt. In der Ferienzeit sind die meisten ICE von Amsterdam Richtung Deutschland daher schon lange vorher ausgebucht. Für spontane Reisende bleibt aber immer noch die parallele Verbindung mit Regionalexpress von Arnhem nach Düsseldorf oder über Venlo und Mönchengladbach.


Beginn der Reise – der futuristische Bahnhof Den Haag CS

Die einfachste Art den ICE zwischen Utrecht und Düsseldorf zu vermeiden ist die Benutzung des Intercitys von Amsterdam nach Venlo. Dort hat man dann 5 Minuten Zeit um in einen Zug nach Düsseldorf umzusteigen. Dieser Zug ist allerdings meistens sowieso zu spät, wenn er nicht überhaupt ausfällt. Die Deutsche Bahn hat es nämlich nicht geschafft, die teilweise eingleisige Strecke zwischen Venlo und Mönchengladbach wieder zweigleisig auszubauen. Auf dem noch vorhandenen Bahnkörper des vor langer Zeit abgebauten zweiten Gleises hat man lieber eine Lärmschutzwand gebaut. Die eingleisige Strecke ist der Flut an Güterzügen auf dieser Relation aber nicht gewachsen.



Wartende Fahrgäste in Venlo

Wir haben also meine Tochter mit ihrem riesigen Koffer von 30 kg zum Bahnhof gebracht. Mit dem Auto, denn morgens um 6 gibt es noch keinen öffentlichen Nahverkehr in diese Richtung. Als erster Zug des Tages würde sie dann der IC 3521 bis Venlo bringen. Dort hat sie nach der Ankunft um 8.58 Zeit bis 9.05 um den 20073 nach Düsseldorf zu erreichen. Nach der Ankunft dort um 10.09 hat sie Anschluss an den ICE 623 nach München um 10.22, und in München nach der Ankunft um 15.12 Anschluss an die Westbahn um 15.32 nach Wien. Nach knapp 14 Stunden wäre sie dann um 20.00 in Wien Westbahnhof. Selbst wenn sie unterwegs einen Anschluss verpassen sollte würde sie es ohne weiteres schaffen noch am selben Tag in Wien anzukommen

[07:19, 31/07/2026] t (Tochter): Mein erster Zug kommt gar nicht erst an in Venlo 😭😭
[07:19, 31/07/2026] t: Zwischen Den Bosch und Venlo verkehren schlichtweg keine Züge.
[07:19, 31/07/2026] t: Ich weiß gar nicht mehr, wie ich jetzt noch nach Wien kommen soll, denn alle ICE’s sind voll.



Wer mit dem Zug nach Venlo fährt, hat unter Umständen die Gelegenheit, in Mönchengladbach umzusteigen. Bevor die Deutsche Bahn den Innenbereich umgestaltete, war dies das einzige attraktive Gebäude der Stadt.

Die Tochter sitzt also in Den Bosch und muss darüber nachdenken wie sie jetzt weiter kommt. Auch der holländische Teil der Strecke vor Venlo ist regelmäßig überlastet. Häufig bleiben hier Güterzüge liegen oder es gibt Störungen. Ausweichgleise und Hilfslokomotiven, die man zum Abschleppen verwenden könnte, wurden konsequent eingespart. So wurde das Überholgleis in Helmond, wo man einen defekten Güterzug herausholen hätte können, erst kürzlich abgebaut. Bleibt nur die Möglichkeit eine andere Verbindung zu finden.


Bahnhofshalle in Mönchengladbach im Winter

Neben der Strecke über Arnhem gibt es noch eine Verbindung von Amsterdam über Hengelo und Bad Bentheim Richtung Berlin. Ein kleines Stückchen weiter südlich gibt es eine Verbindung von Enschede nach Münster bzw. Dortmund. Diese Verbindung wurde nach Jahren des Stillstands mühsam wieder in Betrieb genommen und hat den Zustand einer eingleisigen Lokalbahn. Alles Überflüssige wurde zurückgebaut. Durchgang zwischen Deutschland und den Niederlanden wurde auf dem durchlaufenden Gleis durch Prellböcke deutlich unmöglich gemacht. Selbst bei einer Auslastung von einem Zug pro Richtung pro Stunde potenzieren sich die Verspätungen im deutschen Teil der Strecke.


Prellböcke zur Verhinderung des illegalen Zugverkehrs zwischen den Niederlanden und Deutschland in Enschede

Die Verbindung Roermond bzw. Maastricht und Aachen ist notorisch störungsanfällig nachdem man hier statt der zuverlässigen alten Dieseltriebwagen den sogenannten Dreiländerzug eingeführt hat. Da jedes der drei Länder, Niederlande, Belgien, Deutschland, ein anderes Stromsystem und Sicherungssystem hat, ist dieser Zug meistens für eines der durchfahrenen Länder gerade durch einen Defekt unbrauchbar. Die Verbindung über Aachen ist deshalb prinzipiell zu vermeiden.




Bleibt noch die Strecke von Groningen nach Leer. Die ist seit 3. Dezember 2015 außer Betrieb nachdem ein Flussfrachtschiff die Brücke bei Weener gerammt hatte. In mehr als 10 Jahren war die deutsche Bahn nicht in der Lage die Brücke zu reparieren und den Betrieb wieder aufzunehmen. Seit 2024 werden Termine für eine Wiederinbetriebnahme regelmäßig verschoben. Die Strecke wurde dann endlich im September 2026 wieder in Betrieb genommen - beinahe 11 Jahre nach dem Unfall.

[07:28, 31/07/2026] t: Ich habe eine Option über Arnheim gefunden.




Für die Fahrt von Den Bosch nach Arnhem braucht ein Intercity der NS 41 Minuten. Für die 77 km lange Strecke dauert selbst die Autofahrt länger. In Arnhem gibt es außer der etwa zweistündlich verkehrenden Verbindung mit dem ICE nach Deutschland auch einen Regionalexpress nach Düsseldorf der nur unwesentlich langsamer ist, da er unterwegs häufiger hält. Theoretisch ist dieser Zug damit eine gute Alternative.

[08:23, 31/07/2026] t: Es gibt auch ein Problem mit dem Zug nach Düsseldorf… Ich hoffe, ich komme heute noch in Wien an…
[08:25, 31/07/2026] t: Dann verpasse ich wohl auch noch den nächsten Zug.
[08:25, 31/07/2026] t: Ich denke also, ich werde 3 Stunden zu spät in Wien ankommen.
[08:26, 31/07/2026] t: Das wird eine sehr lange Reise werden.


Wartende Fahrgäste in Hengelo

Im Juni 2007 hat die damalige niederländische Königin Beatrix die 160 km lange, sogenannte Betuwe Linie in Betrieb genommen. Die völlig neue Bahnstrecke verbindet den Hafen von Rotterdam mit Zevenaar kurz vor der deutschen Grenze. Da sie nur für den Güterverkehr nach Deutschland ausgelegt ist wurde sie mit einer Spannung von 15000 V Wechselstrom 16 2/3 kHz elektrifiziert, dem deutschen Bahnstromsystem, das leistungsfähiger ist als die in den Niederlanden sonst gebrauchten 1500 V Gleichstrom, ein Stromsystem das wohl eher bei einem Straßenbahnnetz gebraucht wird.


Typische Aussicht vom grenzüberschreitenden Zug bei Hengelo

Zum Zeitpunkt als Beatrix die Strecke eröffnet hat wurde in Deutschland gerade erst drüber nachgedacht ob man den Anschluss zu der Strecke aus den Niederlanden bis Oberhausen in Deutschland mal ausbauen sollte. Man hat da mittlerweile auch damit begonnen. Allerdings ist bis auf die Anlage von Schallschutzmauern, Unterführungen und modernisierten, hohen Bahnsteigen bisher wenig passiert. Eine Inbetriebnahme wird sicherlich noch mehr als 10 Jahre in Anspruch nehmen. Wir reden damit von einem Zeitraum von etwa 30 Jahren nach der Inbetriebnahme der niederländischen Strecke…..


Die rechtwinklige Kreuzung zweier Hauptbahnen in Osnabrück. Die untere Strecke verbindet die Niederlande mit Hannover und Berlin

Die langwierigen Bauarbeiten in Deutschland haben aber zur Folge dass die Strecke Emmerich – Oberhausen häufig gesperrt wird. ICE Züge und Güterzüge werden dann umgeleitet über Venlo, also genau über die Strecke, auf deren zweitem Gleis man lieber eine Schallschutzmauer gebaut hat. Die Züge entfallen dann auch im Abschnitt Emmerich – Arnhem, obwohl in diesem Bereich ja überhaupt nicht gebaut wird.


Ankunft eines ICE in Hannover

Die Regionalzüge nach Arnhem haben ein weiteres Problem. Es gibt nicht genug Fahrzeuge, die sowohl für das deutsche wie auch das niederländische Strom- und Sicherungssystem geeignet wären. Aus Sparsamkeit hat man wohl nie genug dieser Züge bauen lassen. Also lässt man den Zug zwischen Emmerich und Arnhem eben ausfallen. Die einfache Lösung einer Leihlokomotive mit konventionellem Wagenzug scheitert an der fehlenden Flexibilität des Betreibers Abelio.

[08:56, 31/07/2026] t: Der Zug fällt aus.
[08:56, 31/07/2026] t: Nun muss ich einen Bus nach Düsseldorf nehmen.
[08:56, 31/07/2026] t: Glaubt ihr dass ich heute noch ankomme 😂
[09:04, 31/07/2026] t: Papa es ist wirklich schrecklich heute mit den Zug. Da ist überall ein Problem
[09:07, 31/07/2026] p (Vater): Und wann fährt der Bus?
[09:18, 31/07/2026] t: In 20 Min
[09:28, 31/07/2026] p (nach Konsultation der DB App): Der Zug um 9.45 von Arnhem nach Düsseldorf fährt nicht, der um 10.45 fährt schon, und um 9.34 fährt ein ICE aber alle ICE sind voll.
[09:28, 31/07/2026] t: Ok, dann nehme ich den Bus 😂
[09:28, 31/07/2026] t: Schade dass der ICE voll ist
[09:29, 31/07/2026] t: Wie weist du dass der Zug von 9:45 nicht fährt?
[09:29, 31/07/2026] p: Das steht in der App der deutschen bahn
[09:31, 31/07/2026] t: Ahhh oke
[09:31, 31/07/2026] p: Sie haben nicht genug Züge. Wenn ich das gut verstehe gibt es einen Bus nach Emmerich und von dort einen Zug
[09:31, 31/07/2026] t: Oké gut!!
[09:31, 31/07/2026] t: Das steht nicht in der NS App
[09:32, 31/07/2026] p: Weißt du sicher dass der Bus fährt?
[09:33, 31/07/2026] t: Die Schaffner haben gesagt ja
[10:07, 31/07/2026] p: Und? Im Bus?


Zugang zur Fussgängerunterführung Annex Einkaufszentrum in Hannover

Aber es fuhr kein Bus. Es wird auch bald deutlich dass so schnell kein Zug mehr von Arnhem Richtung Deutschland fährt. Ein erneuter Versuch von Arnhem direkt nach Venlo zu fahren erscheint auch nicht erfolgversprechend denn Venlo scheint heute ein größeres Problem zu haben. Die Tochter findet eine neue Verbindung von Arnhem um 10.11 nach Zutphen, dort um 10.22 umsteigen in einen Zug um 10.36 nach Hengelo. Nach Ankunft in Hengelo um 11.14 weiter um 11.34 nach Bad Bentheim. Nach Ankunft in Bad Bentheim um 11.52 kann sie dann um 12.12 den ICE 145 nach Hannover nehmen. Nach Ankunft um 14.01 in Hannover gibt es einen Anschluss ICE 589 um 14.27 nach München, der dort um 18.48 ankommen sollte. Bei pünktlicher Ankunft in München gäbe es um 19.12 noch einen Railjet nach Salzburg, der nach Ankunft dort um 21.01 nach 6 Minuten Umsteigezeit noch Anschluss nach Wien hätte. Die Ankunft in Wien wäre dann um 00.03.

[12:52, 31/07/2026] M., ein Freund: Das tut mir leid für das Mädl



Ein ICE Hannover - München durchfährt den Bahnhof Nürnberg-Fischbach

In Zutphen, Hengelo und Bad Bentheim geht alles gut, auch das Umsteigen mit dem 30 kg Koffer. Da die Gleisanlagen in den niederländischen Bahnhöfen auf weniger als das betrieblich nötige zurückgebaut wurden braucht man meist beim Umsteigen nicht auf einen anderen Bahnsteig. Die Tochter sitzt also jetzt im ICE 145, der sie nach beschaulicher Fahrt durch das Emsland und Westfalen bis nach Hannover bringen sollte. Dort gibt es eine Übergangszeit von fast einer halben Stunde auf den Anschlusszug nach München.

[14:25, 31/07/2026] t: Und jetzt verpasse ich auch noch meinen Zug nach München.💫💫


ICE in München Hbf

Der ICE 145 hat nach der Abfahrt getrödelt. Trotz der reichlich bemessenen Übergangszeit wurde auf der Fahrt Richtung Hannover eine Verspätung von 25 Minuten angehäuft. Ein Übergang vom Gleis 9 nach Gleis 4 in Hannover Hauptbahnhof ist in kurzer Zeit unmöglich da sich die aussteigenden Fahrgäste an den Rolltreppen und Treppen stauen und der Tunnel zwischen den Bahnsteigen durch den angebotenen Kommerz mit Bahn-fremden Shopern verstopft ist. Offenbar verärgert man lieber täglich zehntausende von zahlenden Fahrgästen um lieber ein paar Tausend Euro Miete von irgendwelchen Accessoire-Händlern einzunehmen.

[14:38, 31/07/2026] t: Der Zug nach München ist 20 Minuten verspätet
[14:48, 31/07/2026] t: Ich habe ihn doch erwischt. Er hatte Verspätung!! Ich bin so froh!!😀



Im Hintergrund die Bahnhofshalle mit Übergangsmöglichkeit zu den anderen Bahnsteigen

Wegen Verspätung aus vorausgegangener Fahrt (Originalton DB) ist der ICE 589 bei der Ankunft in Hannover 20 min zu spät. Dadurch hat die Tochter den Anschluss in Hannover doch noch erreicht. Mittlerweile habe ich mich auf den bekannten Buchungsseiten nach Hotelpreisen von Hotels in der Nähe des Hauptbahnhofs von Nürnberg oder München umgesehen. Bei einer Umsteigezeit von 24 min in München und 7 Minuten in Salzburg ist es vielleicht besser den Rest der Reise auf den folgenden Tag zu verschieben statt so spät in Wien anzukommen.

[09:21, 31/07/2026] p: Die Hotels um den Bahnhof in Nürnberg sind aber heute billig, 85€.
[09:25, 31/07/2026] p: In München am Bahnhof sind mehrere Hotels für unter 80€. Ich könnte auch die G. fragen ob du bei ihr übernachten kannst aber das ist weit vom Bahnhof
[09:26, 31/07/2026] p: Der Ome H. ist auch in seiner Ferienwohnung in Tutzing. Vielleicht kannst du da bleiben.
[09:27, 31/07/2026] t: Ich wurde lieber bei H. ubernachten
[09:36, 31/07/2026] p: Der H. hat gesagt du kannst bei ihm in der Wohnung am See übernachten. Der Bahnhof heißt Tutzing. Das ist bei München und nach München musst du sowieso.
[09:38, 31/07/2026] p: Es dauert 30 min mit dem Zug von München und 40 mit der S-Bahn
[09:43, 31/07/2026] t: Oké das ist ganz gut danke
[14:25, 31/07/2026] t: Ich werde also definitiv bei H. übernachten.
[14:27, 31/07/2026] p: Ruf den H. an
[14:38, 31/07/2026] t: Ich hab den H. angerufen
[14:38, 31/07/2026] p: Er holt mich ab vom Bahnhof
[14:38, 31/07/2026] p: Hoffentlich passt der Koffer in den Porsche…



Die Hackerbrücke und das Zentralstellwerk München Hbf, das vor 60 Jahren einmal als Neuerung gefeiert wurde

München ist ein Kopfbahnhof. Zum Umsteigen muss man erst mal ans Bahnsteigende und dann zum anderen Gleis. Erschwerend kommt hinzu dass lokale Züge von den sogenannten Flügelbahnhöfen, rechts und links außen, abfahren. Der Holzkirchner Flügelbahnhof umfasst die Gleise 5-10, der Starnberger Flügelbahnhof die Gleise 27-36. Um die Flügelbahnhöfe zu erreichen muss man an den Gleisen 11 und 26 am Rande der eigentlichen Bahnhofshalle entlang bis zum Ende laufen. Die S-Bahn Züge wiederum fahren von Gleis 1 und 2 ab, in einem Tunnel, dessen Eingang im Untergrund zwischen einer Vielzahl von Geschäften versteckt ist. Da kommt in Zukunft noch ein weiterer, unabhängiger Tunnel dazu wenn nach jahrzehntelanger Bauzeit endlich die zweite Stammstrecke der S-Bahn unter der Münchner Innenstadt fertig gestellt ist. Die ganze Anlage wurde bis auf den Tunnelbahnhof von der bayrischen Staatsbahn errichtet und wird dem heutigem Ansturm von Fahrgästen in keinster Weise gerecht. Mittlerweile wird der Hauptbahnhof München aber schon seit Jahren umgebaut. Das soll die Zugänglichkeit und Attraktivität der dort ansässigen Geschäfte erhöhen. Zusätzlich Verbindungen zwischen oder Zugänge zu den Gleisen schafft das nicht.



Wartende ICE in München Hbf, Gleis 22 und 23. Der Starnberger Flügelbahnhof mit Zügen nach Tutzing ist rechts, Gleise 27-36, oder unten im S-Bahn Tunnel. Um dorthin zu gelangen muss man in beiden Fällen ganz zurück in die Halle

[14:59, 31/07/2026] p: Der Zug nach Tutzing fährt ganz am Ende rechts im Bahnhof München (Gleis 26), die S-Bahn fährt im Tunnel unter dem Bahnhof. Das dauert beides lang und ist sehr unpraktisch
[15:01, 31/07/2026] t: Für mich Gleis 2
[15:08, 31/07/2026] p: Ja, das ist der Tunnel
[15:09, 31/07/2026] p: Aber der Zug fährt später, ist aber schneller und gleichzeitig da. Der hält nicht überall
[15:09, 31/07/2026] t: Is das schwierig um zu finden?
[15:12, 31/07/2026] p: Die bauen da schon seit Jahren um, früher musste man am Ende der Bahnsteige nach links und dann nach unten. Aber das Gleis 26/27 ist besser zu finden, das ist einfach am Ende links, dann am ersten Gleis entlang wieder links und dann bis zum Ende. Warte mal ab wie es ist mit Verspätungen
[15:30, 31/07/2026] t: Ok danke 🙏



Abfahrterbereiter RE nach Garmisch im Starnberger Bahnhof

Falls der ICE 589 später als 18.48 in München ankommt gibt es noch genügend Ausweichmöglichkeiten um nach Tutzing zu kommen. Man muss sich dann nur entscheiden ob man den Regionalexpress im Starnberger Flügelbahnhof oder die S-Bahn im Tunnel nehmen will. Übergänge zwischen beiden Möglichkeiten sind langwierig, insbesondere wenn man einen schweren Koffer bei sich hat oder ein anderes Handicap hat.

[19:29, 31/07/2026] p: Bist schon im Zug nach Tutzing?
[19:29, 31/07/2026] t: Ja!!
[19:29, 31/07/2026] t: Ich kom um 20:00 an
[19:29, 31/07/2026] t: Ich hab H. eine Nachricht geschickt
[19:29, 31/07/2026] p: Gut



Das Ende der Bahnsteige mit der Übergangsmöglichkeit

Die Reisendenorganisation ProBahn hat schon 2015 eine Petition eingereicht um für eine direkte Verbindung zwischen den Flügelbahnhöfen und den Bahnsteigen zu sorgen ohne dass man erst in die Querhalle am Bahnsteigende gehen muss. Durch eine Brücke am Ende der Bahnhofshalle wäre das einfach zu regeln. Vielleicht wäre sogar ein Tunnel entlang der sowieso unter den Bahnsteigen entlang führenden Paul-Heise Strasse möglich. Bei den seit Jahren im Hauptbahnhof München stattfindenden Umbauarbeiten ist dazu nichts geplant. Man will wohl nicht dass ein Teil der Fahrgäste den gierigen Fängen des in der Quer- und Empfangshalle wartenden Kommerzes entgeht.



Querhalle des Kopfbahnhofs München Hbf. Hier wird schon seit Jahren umgebaut

Offenbar hat die Tochter sich in dem unübersichtlichen Gewirr verlaufen. Aus unerfindlichen Gründen findet sie sich mit ihrem Koffer von 30 kg am Fuß einer Treppe. Sie ist dem Heulen nahe. Glücklicherweise gibt es noch freundliche Helfer. Ein anderes Mädchen trägt den Koffer mit ihr die Treppe hoch.

[19:55, 31/07/2026] p: Aber Gleis 27 ist doch auf der selben Ebene wie alle bis auf 1 oder 2?
[19:58, 31/07/2026] t: Nee ich musste das ganze stuck laufen
[19:58, 31/07/2026] t: Da warn Gleise 26-31




ICE 4 in München Hbf. Dort wird noch immer für eine schon längst gestorbene Elektronikfirma geworben

Bei der Ankunft in Tutzing regnet es. H. wartet mit seinem Porsche vor der Tür des Bahnhofs. Sie öffnen den Kofferraum und versuchen zu zweit den Koffer dort unterzubringen. Wie man das Ding auch wendet, die Klappe geht nicht mehr zu, der Koffer ist zu groß. Mittlerweile hat sich auch der Fahrer eines BMW dazugesellt. Er hat wohl auch einen Porsche und kennt das Problem. Er bietet an den Koffer mit seinem BMW zum Ziel zu bringen. Als aber hört wo es ist, findet er das dann doch zu weit weg.



ICE nach Wien in München

Man einigt sich darauf, zu versuchen den Koffer im Innenraum auf dem Notsitz des Porsche zu verstauen. Glücklicherweise handelt es sich um ein Cabriolet. Im Regen öffnet H. das Dach und die beiden Männer schaffen es das schwere Gepäckstück hinten rein zu wuchten wobei akribisch darauf geachtet wird dass nichts beschädigt wirf. Nachdem das Dach geschlossen und der freundliche Helfer verabschiedet ist muss H. erst mal das Innere der Luxuskarosse trocken wischen.

[20:39, 31/07/2026] t: Ich bin angekommen
[20:40, 31/07/2026] t: Der Koffer passt im Porsche


Von München nach Salzburg kann man auch mit dem RE fahren

Der Porsche verschwindet in der Garage. Der Koffer bleibt über Nacht auf seinem Platz da es im Regen zu mühsam ist das schwere Stück wieder aus dem Auto zu wuchten. H. trocknet in der Garage noch eben das Auto mit einem Handtuch ab, das macht man ja nach einer Dusche auch, und dann können sie sich in die Wohnung begeben.


Fahrgäste nach Ankunft eines RE

Man sollte sich also als Porschefahrer merken, dass es besser ist mit dem Zug zu fahren, wenn man ein großes Gepäckstück transportieren will. Im Gegensatz zu Flugreisen werden bei der Bahn auch für großes Gepäck keine Kosten berechnet.


Der nächste Tag 01. August


[12:06, 01/08/2026] t: Es fängt schon wieder an..
[12:07, 01/08/2026] t: Es ist zum Heulen
[12:07, 01/08/2026] t: Ich muss auch dringend auf die Toilette.
[12:08, 01/08/2026] p: Du kannst in einem anderen Zug pinkeln. Nur aufpassen dass er nicht abfährt


Abfahrbereite ICE in München

Der ICE 1215 sollte um 12.09 aus München abfahren und um 16.47 in Wien ankommen. Als die Tochter nach dem langen Weg vom Starnberger Flügelbahnhof auf Gleis 11 ankommt ist vom ICE1215 nichts zu sehen. „10 Minuten Verspätung aus vorheriger Fahrt“ verkündet der Bahnjargon, was bedeutet, dass der Zug offenbar verspätet aus Wien ankommt und daher auch wieder zu spät Richtung Wien abfährt.

[12:10, 01/08/2026] p: 20 Minuten ist noch nicht so tragisch
[12:13, 01/08/2026] t: Erst was es 10 Minuten jetzt is es 20min gleich is es 10 Stunden
[12:14, 01/08/2026] p: na ,dann fährt mittlerweile ein anderer. und wenn es kein ICE sondern ein österreichischer RJX ist, dann ist es auch zuverlässiger


Im Hintergrund der ICE nach Wien

Als der Zug dann endlich kommt stellt sich raus dass einer der beiden Zugteile fehlt. Alle Plätze waren reserviert. Die Hälfte der Fahrgäste hat also jetzt trotz Reservierung keinen Platz mehr. Nachdem endlich alle eingestiegen sind stehen die Gänge voller Fahrgäste und Koffer.


Für behinderte Fahrgäste gibt es in München auch dieses Hilfsmittel 

Eine Platzreservierung kostet bei der Deutschen Bahn 4 €. Das ist viel billiger als bei einem Linienflug. Da kann man doch auch nicht erwarten dass der gebuchte Platz auch immer verfügbar ist.

[12:18, 01/08/2026] p: Geh gleich in den Speisewagen. Der Zug wird voll weil der halbe Teil fehlt
[12:40, 01/08/2026] t: Der ganze Zug ist voll, also bleibe ich einfach hier sitzen.
[12:41, 01/08/2026] m (die Mutter): Sitzt du auf deinem Koffer?
[12:41, 01/08/2026] t: Nee
[12:41, 01/08/2026] t: Ich bin neben die Toilette weil ich wirklich muss gehen
[12:43, 01/08/2026] p: der weg nach wien ist eine katastrophe weil die deutsche bahn die andere strecke von Nürnberg nach wien gesperrt hat aber nicht mehr züge über die alternative von München nach wien fahren lässt.
[12:44, 01/08/2026] t: Die sagen das mit dem Zug muss verlassen wenn man keine Reservierung hab, ich tue als ob ich kein deutsch kann weil dan kann ich die Nachricht niet verstehen
[12:45, 01/08/2026] p: das hab ich schon befürchtet. wenn du raus musst dann nehm einen lokalen Zug nach Salzburg. die sind genauso schnell und meistens auch noch leer.
[12:45, 01/08/2026] m: Hast du einen Stuhl?
[12:46, 01/08/2026] m: Zum Glück brauchst du nicht um zu steigen
[12:49, 01/08/2026] p: Der RJX 67 auf Gleis 12 um 13.13 ist dann auch nicht viel später in Wien
[12.54, 01/08/2026] g (ein Freund): Ordnung muss sein. Das ist total lustig...


Hier wurde ein ICE als Ersatz für einen liegengebliebenen Railjet eingesetzt

Vielen Zugbegleitern der deutschen Bahn ist es genauso wie ihrem Arbeitgeber egal wie oder wann ihre Fahrgäste ankommen. Ihnen geht es in erster Linie darum dass sie ihre Arbeit sicher und problemlos machen können und das ist schwieriger in einem vollen Zug. Ein ICE hat nur eine Tür bei der im Fall einer Evakuierung eine Leiter angelegt werden kann. Stehen die Gänge voller Menschen und Gepäck dann ist die Räumung schwieriger. Aber schließlich hatte die Hälfte der Eingestiegenen ja eine gültige Reservierung in dem Zugteil der jetzt nicht fährt.


Railjet in München Hbf

Zugbegleiter, die darauf bestehen, ihren Zug zu räumen, verlagern das Problem natürlich auch nur auf den Kollegen, der dann im nächsten Zug mit dem selben Ansturm zu kämpfen hat. Es gibt aber auch Zugbegleiter, denen das egal ist. Statt eine Stunde in München zu versuchen die überzähligen Fahrgäste raus zu werfen hätte man mittlerweile auch schon einen guten Teil der Strecke nach Salzburg zurück legen können.

[13:04, 01/08/2026] t: Nee jeder ohne Sitzplatz muss aussteigen
[13:04, 01/08/2026] t: Zu einem anderen Zug, der ebenfalls völlig voll ist
[13:04, 01/08/2026] t: Ich glaube, dasselbe wird auch mit diesem Zug passieren.
[13:04, 01/08/2026] t: Hoffentlich nicht, aber es ist komplett voll und es stehen immer noch Leute vor der Tür.
[13:04, 01/08/2026] t: Zum Glück ging ich im anderen Zug auf die Toilette.
[13:05, 01/08/2026] t: Das ist wirklich die schlimmste Reiseerfahrung meines Lebens.
[13:09, 01/08/2026] p: Der andere ICE ist gerade erst weg....
[13:11, 01/08/2026] t: Aber dieser geht in 2 min weg
[13:12, 01/08/2026] t: Ich hab einen guten Stehplatz
[13:12, 01/08/2026] t: Kannst du nicht sitzen?
[13:12, 01/08/2026] t: Ich nehme dieser Zug einfach nach Wien Hbf
[13:12, 01/08/2026] t: Und dann von da aus ein Zug nach Wien West Bahnhof
[13:12, 01/08/2026] m: Oh. Ich dachte / hab gehofft dass du schon unterwegs wärst


Railjet in München Hbf 2019

Die Tochter ist also ausgestiegen und hat sich mit den anderen auf den RJX 67 gestürzt, der um 13.13 aus München abfahren soll. Dieser Zug wäre um 17.32 in Wien, also um etwa 45 min später als der ICE 1215. Da dieser aber mit einer Verspätung von beinahe einer Stunde abfährt kommen beide wohl zur selben Zeit in Wien an.



Auch die Westbahn fährt stündlich von München Hbf oder Ost nach Wien. DB Fahrkarten gelten nicht, wohl aber Interrail tickets. Die Westbahn Züge tauchen aber im Interrail Reiseplaner manchmal nicht auf

Seit Februar hat die deutsche Bahn die Bahnstrecke zwischen Nürnberg und Passau gesperrt. Erst wurde bis Ende Juli der Abschnitt zwischen Feucht und Regensburg gesperrt, danach der zwischen Regensburg und Passau. Dadurch können weder Güterzüge noch die ICE Züge, die normalerweise zwischen Nürnberg und Wien fahren, verkehren. Die Güterzüge werden umgeleitet, was zu einer Überlastung vor allem der Strecke München – Salzburg führt. Von den Fahrgästen wird erwartet dass sie über München umreisen ohne dafür ausreichend zusätzliche Kapazitäten zur Verfügung zu stellen. Dabei sollte man ja während der Bauphase unbeschäftigte Fahrzeuge zur Verfügung haben, die durch die gesperrten Strecke nicht fahren können.


Die Hackerbrücke, sicheres Wahrzeichen vor dem Münchner Hbf

Eine gleichzeitige Sperrung von über 100 km Strecke erscheint übertrieben. Die Bahn kann doch nicht an 100 km doppelspurigem Gleis gleichzeitig arbeiten. Auch hier rächt sich wieder dass man alle Nebengleise abgebaut hat. Es gibt keinen Platz entlang der Strecke wo man einen Bauzug und die Züge mit den nötigen Materialien unterwegs abstellen könnte.



Wartender Reisender in Rosenheim

Aber auch der Umfang der Sanierung scheint fraghaft. Es wird weder das Europa-weit angestrebte neue Zugsicherungssystem ETCS eingebaut noch wird durch Einbau von neuen Nebengleisen oder Überholgleisen für zusätzliche Kapazitäten gesorgt. Die alten Signale und Zugsicherungssysteme werden neu verkabelt und wieder aufgestellt, die alte Fahrleitung und Gleislage erneuert. Ein großer Teil des Geldes wird für kosmetische Anpassungen wie neue Lärmschutzwände, Zuganzeigen, Wartehäuschen, Warnschilder und Beschriftungen ausgegeben. Größtenteils Arbeiten, die man auch bei laufendem Betrieb hätte durchführen können.

[13:13, 01/08/2026] t: Er fährt weg!!!! Yes
[13:13, 01/08/2026] p: Na also. Und der railjet hat ein gutes Restaurant und das Internet funktioniert auch meistens
[13:13, 01/08/2026] m: Wann bist du in Wien?
[13:14, 01/08/2026] p: das sieht aus wie eine abstellkammer
[13:15, 01/08/2026] p: Du musst in Wien Meidling in einen Zug zum Westbahnhof umsteigen
[13:15, 01/08/2026] t: Oké!



Das ehemalige Bahnbetriebswerk Rosenheim wird vom Gesträuch überwuchert. Dabei handelt es sich hier wahrscheinlich um den letzten erhaltenen Dampflok Bekohlungskran in Deutschland

Der Railjet 67 fährt pünktlich ab. Er ist genauso überfüllt wie zuvor der ICE aber es scheint sich hier niemand vom Personal dran zu stören. Die Tochter hat es sich im Eingangsbereich bei der Stufe zur Tür bequem gemacht, neben sich das Monster von Koffer. Sie kann jetzt nur hoffen dass in Salzburg die Tür auf der anderen Seite aufgeht und dort nicht noch eine weitere Flut an Fahrgästen einsteigen will.

[13:16, 01/08/2026] m: Dumm auch, das ist natürlich eines der verkehrsreichsten Wochenenden der Ferienzeit. Wahrscheinlich sind auch alle Straßen total verstopft.
[13:16, 01/08/2026] m: Ich hatte überhaupt nicht mehr darüber nachgedacht.
[13:18, 01/08/2026] p: Stimmt, die Ferien beginnen auch in Bayern. Aber ich dachte, hier fährt jeder mit dem Auto, oder?
[13:19, 01/08/2026] m: Das dachte ich auch.
[13:19, 01/08/2026] m: Ich glaube nicht, dass eine Reise noch schlimmer sein kann.
[13:20, 01/08/2026] t: Ich befürchte, die nächste Station wird noch schlimmer sein, dann müssen sicher noch mehr Leute einsteigen.
[13:23, 01/08/2026] p: Das glaub ich nicht. Der folgende Stopp ist Salzburg. Da fahren mehr Züge nach Wien. Und der andere ICE kommt dort nur kurz vorher an



Die Streckenführung nach Salzburg geht zurück auf die bayrische Ostbahn und erlaubt schöne Blicke auf die Voralpenlandschaft

Früher wurden in der Hauptreisezeit längere Züge gefahren. Es gab zusätzliche Entlastungszüge, die dann kurz vor oder nach dem eigentlichen Zug eingeplant wurden. Bei der deutschen Bahn werden überzählige Fahrzeuge, die man zu diesem Zweck verwenden könnte, dem Stillstandsmanagement zugeführt. Statt sich an die Ansprüche der Fahrgäste als Kunden anzupassen, erwartet man, dass die Fahrgäste ihre Wünsche entsprechend der Vorstellungen des Bahnmanagements ändern und zu anderen Zeiten fahren. Im Fall der Strecke nach Wien wie auch nach Amsterdam gibt es aber kaum freie Kapazitäten, auf die Reisende ausweichen könnten.


Überquerung der Salzach und damit der Grenze zu Österreich 

Der erwartete Ansturm in Salzburg bleibt in der Tat aus. Die österreichischen Eisenbahnen ÖBB vereinigen in Salzburg mehrere ihrer Railjet Züge zum Beispiel von Innsbruck oder München zur gemeinsamen Weiterfahrt nach Wien. Es stehen also größere Kapazitäten zur Verfügung.

[15:05, 01/08/2026] t: Ich hab jetzt einen Sitzplatz
[15:06, 01/08/2026] p: diese Reise wird noch luxuriöser als Ryan Air



Blick aus dem Bahnhof Wien Westbahnhof, Endstation der Westbahn Züge aus München

Gegen 18.00 erreicht die Tochter den Wiener Westbahnhof nach einer Reise von 36 Stunden. Wenn H. nicht freundlicherweise eine Übernachtungsmöglichkeit angeboten hätte wäre zu den Kosten der Fahrt selbst auch noch der Preis eines Hotelzimmers gekommen. Da die Tochter ein Interrailticket mit Reisetagen verwendet hat sie statt einen nun zwei ihrer Tage verbraucht. Erstattet wird davon von den betroffenen Bahnverwaltungen nichts. Die Statistik erfasst nur den Prozentsatz verspäteter Züge ohne Berücksichtigung von Zugausfällen und nicht den Anteil verspätet ankommender Reisender oder durchschnittlicher Verzögerungszeit.


Westbahnzüge im Wiener Westbahnhof

In einer ZDF Reportage hat Dunja Hayali das Versagen der Deutschen Bahn analysiert. Die deutsche Bahn versucht diese Reportage aus der Mediathek des ZDF zu entfernen. Die Analyse kommt zum Schluss dass mangelnde Koordination, schlechter Unterhaltungszustand und veraltete Anlagen sowie das Fehlen des europäischen Sicherungssystems ETCS zu den vielen Störungen und Verspätungen bei der Deutschen Bahn führen. Dazu kommt, dass im Bundesverkehrsministerium als verlängertem Arm der Autoindustrie keinerlei Fachkompetenz für Bahnfragen vorliegt. Obwohl der Bundesverkehrsminister eigentlich der oberste Manager der deutschen Bahn sein sollte greift er mangels Wissen und Motivation nicht in deren Managementabläufe ein. Aber obwohl viele Punkte der Analyse korrekt sind werden viele der Gründe, die zur Unzuverlässigkeit des deutschen Bahnverkehr führen, nicht angesprochen. Eine Zugreise von Amsterdam nach Wien bringt diese Punkte ans Tageslicht.

Bahnhofshalle des Wiener Westbahnhofs

Ein Grund der vielen Problemen bei der deutschen Bahn, der in oben genannten ZDF Reportage nicht genannt wurde, liegt im Fehlen von zusätzlicher Kapazität. Es gibt keine Reservelokführer, Reservezüge, Ausweichgleise oder Abstellgleise.

Die Statue der Kaiserin Sissi ist ein Überbleibsel des historischen Westbahnhofs 

Durch das Fehlen von Abstell- und Ausweichgleisen potenzieren sich Verspätungen da langsamere Züge nicht zum überholen in ein Nebengleis gefahren werden können. Alle Restaurierungsmaßnahmen sollten das berücksichtigen, d.h. es sollte dafür gesorgt werden dass Überholgleise reaktiviert werden oder einzelne Abschnitte, wo das Terrain und die Randbebauung es einfach erlaubt, dreigleisig ausgebaut werden. Dazu sollten deutlich mehr Weichen eingebaut werden um Gleiswechsel zu ermöglichen. Ohne diese Maßnahmen würde auch der Einbau von ETCS keine Verbesserungen bringen, da auch mit ETCS immer der langsamste Zug die Streckenkapazität bestimmt solange er nicht überholt werden kann.

Fassade der Eingangshalle des Wiener Westbahnhofs

Ein Punkt der in den offiziellen DB Statistiken überhaupt nicht auftaucht sind Züge, die eigentlich fahren sollten aber durch Sperrungen oder andere Maßnahmen einfach gestrichen werden. Klassisches Beispiel ist die langzeitige Sperrung der Strecke Hamburg – Berlin. Mit einer für ein Kunden-freundliches Management unvorstellbaren Arroganz fallen die Züge wegen Bauarbeiten einfach langfristig aus ohne dass dafür Ersatz geboten wird. Hier rächt sich sowohl das Fehlen von Nebengleisen als auch die fehlende Flexibilität der auf vielen Hauptstrecken eingebauten elektronischen Sicherungssysteme, die kurzfristige Änderungen des Gleisplan nicht erlauben. Falls Strecken schon längere Zeit geschlossen werden müssen sollte erst dafür gesorgt werden, dass Umleiterstrecken zur Verfügung stehen. Dafür sollten Nebenstrecken so ausgebaut werden dass sie bei einer Sperrung der Hauptstrecke als Umleitungsstrecken dienen könnten. Das wäre zum Beispiel bei der Strecke Nürnberg – Regensburg die parallele Strecke über Amberg und Schwandorf, bei der Strecke Arnhem – Oberhausen die grenzüberschreitende Linie über Venlo.

Der Hauptbahnhof Wien hat die Bahnhöfe Wien Süd und Ost ersetzt und viele Aufgaben des Bahnhofs Wien West übernommen  

Es ist auch völlig unerklärlich warum bei einer Renovierung immer gleich die Strecke über die gesamte Länge gesperrt werden muss. Hier wird wohl aus Bequemlichkeit der Bock zum Gärtner gemacht. Es sollte nur dort gesperrt werden wo tatsächlich gebaut wird, und nicht über die gesamte Länge der Strecke. Falls eine gesamte Strecke gesperrt werden muss ist das wohl ein Zeichen dass zu viele Nebengleise abgebaut wurden wo man am Bau beteiligte Fahrzeuge abstellen kann. Solche Nebengleise sollten also vor jeder Generalsanierung erst wieder aufgebaut werden.

Wien Hauptbahnhof

Alle kurz- und langfristigen Streckensperrungen sollten um jeden Preis vermieden werden. Jede Strecke muss regelmäßig und permanent unterhalten werden. Das gilt auch wenn sie gerade erst nach einer langen Sperrung wieder in Betrieb genommen wurde. Wenn regelmäßiger Unterhalt vorgenommen wird sind langfristige Streckensperrungen nicht mehr nötig. Kurzzeitige Sperrungen sollten nur erlaubt sein zur Erhöhung der Streckenkapazität durch die Anbindung von neuen Gleisen. Jede Streckensperrung führt zur Verärgerung und zum Verlust von Fahrgästen. Die Verkehrswende kann nur gelingen wenn Bahnverbindungen zuverlässig und täglich zur Verfügung stehen.

In Wien Hbf enden auch die Railjet und ICE aus München

Um bei mehrgleisigen Strecken ein Gleis weiter betreiben zu können und gleichzeitig auf dem anderen den Betrieb aufrecht zu erhalten sollte bei Umbauten der Abstand zwischen den Richtungsgleisen erweitert werden. Damit würde Raum für Baumaßnahmen beim laufenden Betrieb geschaffen und die Zahl von Sperrungen reduziert.

In Wien Hbf enden auch die ICE aus Richtung Nürnberg - Regensburg falls die jemals wieder fahren

Viele Verspätungen entstehen durch fehlende Redundanz von Personal oder Zugmaterial. Hat ein Zug Verspätung dann sorgen zu kurze Umkehrzeiten an der Endstation dafür, dass die Rückfahrt auch wieder verspätet ist. Dem Personal fehlen dann auch die vorgeschriebenen Pausen. Oft überträgt sich eine Verspätung auch dadurch dass das Personal in einem verspätetem Zug sitzt und dadurch zu spät zum Einsatz kommt, da dazwischen nicht genug Wartezeit eingeplant wurde. Es sollten daher an bestimmten Knotenpunkten Lokführer, Zugbegleiter und Fahrzeuge für kurzfristige Ersatzeinsätze zur Verfügung stehen. Dieses Personal und Material könnte dann auch für das Sondergeschäft eingesetzt werden, aus dem sich die DB mittlerweile mangels Flexibilität völlig zurückgezogen hat. Das ist völlig unbegreiflich da die meisten der Konkurrenzanbieter auf dem deutschen Streckennetz, insbesondere im Güterverkehr, mit kurzfristig disponiertem Personal und Lokomotiven arbeiten.



Viel Schnee am 17. February 2005 in München Hbf. Fast alle Züge sind noch lokbespannt und fahren

Seit 30 Jahren beschafft die Deutsche Bahn hochkomplizierte Fahrzeuge für die weder genug Werkstattkapazität noch -kenntnis vorhanden ist. Ersatzzüge wurden wegen der Kosten nicht beschafft oder älteres Material wurde abgestellt statt es im Notfall als Ersatz einsetzen zu können. Da kommt noch dazu dass die Fahrzeuge in der Bedienung noch immer nicht vereinheitlicht sind. Obwohl es nur noch ganz wenige Hersteller von Schienenfahrzeugen gibt, hat es die Bahn nicht geschafft die Bedienung so zu vereinheitlichen dass das selbe Personal auf allen unterschiedlichen Fahrzeugen fahren kann. IVU,rail und Prisma, die Software die die Disposition von Fahrzeugen und Personal bei der DB regelt muss viel besser auf Not- und Ausnahmefälle abgestimmt werden. Bei der derzeitigen Ausfall-, Streckensperrungs- und Verspätungsrate ist der Ausnahmefall eigentlich der Normalfall und deshalb muss entsprechende Vorsorge getroffen werden.



München Hbf, Februar 2005

Da die Unterhaltungs- und Wartungskapazitäten der Bahn fehlen, führen schon kleine Fehler wie verstopfte Toiletten, kaputte Türen oder nicht funktionsfähige Air-Condition zu Zugausfällen oder Verspätungen. Zumindest im Regionalverkehr sollten damit in allen Zügen auch einfache konventionelle Toiletten oder Fenster als Ersatz für die Airco eingebaut werden, die im Notfall aufgesperrt werden können. Die Fahrzeuge sind aber auch zu kompliziert in ihrer technischen Ausstattung. Die Ausstattung sollte auf die das Unterhaltungs- und Wartungsniveau und Kapazitäten der Werkstätten der Bahn angepasst werden.

München Hbf, Februar 2005

Für Verstärker- und Ersatzzüge sollten auch ältere Zuggarnituren länger als Reserve im Betrieb gehalten werden. Für die Fahrgäste, also die Kunden, ist es immer noch besser mit einem konventionellen Wagenzug eine Stunde länger unterwegs zu sein als bei einem Zugausfall überhaupt nicht anzukommen. Die Züge könnten auch als Verstärker an Tagen mit Hochbetrieb oder als zwischenzeitliche Füllleistungen gebraucht werden. Beispielsweise sind die ICE Züge auf der Relation Amsterdam und Brüssel – Frankfurt oder München – Wien eigentlich immer voll. Statt die Fahrgäste abzuwimmeln könnte man Verstärker mit älterem Material anbieten die dann nur einen Teil der Strecke fahren, etwa Utrecht – Duisburg oder Lüttich – Köln.



München Hbf, Februar 2005

Insbesondere der Einsatz von Triebzügen ist eine ursächliche Fehlerquelle. Bei einem lokbespannten Zug ist ein defekter Fahrzeugteil leicht aus dem Zugverband zu trennen und der Reparatur zuzufügen. Waggons mit kaputten Fenstern, Airco oder Toiletten können ausrangiert werden und defekte Lokomotiven ersetzt werden. Der übrige Zug bleibt dabei einsatzfähig. In Verbindung mit längeren Standzeiten in den Wendebahnhöfen führt das zu einer höheren Verfügbarkeit der Fahrzeuge. Bei einem Triebzug muss immer die gesamte Einheit außer Betrieb genommen werden und steht bis zur Beendigung der Reparatur nicht mehr zur Verfügung.

Von Pannen geplagt ... der Zug des RE1 München - Nürnberg

Bei Fehlern im Betriebsablauf könnte auch höhere Flexibilität und Pragmatismus viel Ärger ersparen. Ein Fahrgast fährt wahrscheinlich lieber in einem ICE der zu heiß ist oder zu voll, als gar nicht oder mit unvorhergesehener Verspätung. Ein Zugbegleiter der lange Zeit darauf verschwendet einen vollen Zug zu räumen erzeugt nicht nur hohe Folgeverspätungen sondern verschiebt das Problem nur auf den folgenden Zug denn die abgewiesenen Fahrgäste wollen ja doch weiterkommen.

Abgesperrter Waggon wegen nicht funktionierender Air-Condition

Der Bau von Schienenfahrzeugen ist mittlerweile beschränkt auf eine kleine, sehr limitierte Anzahl von Herstellern. Bei der Konstruktion von Lokomotiven und Waggons wäre die Bandbreite von geeigneten Herstellern viel größer. Darüber hinaus hat sich die DB selbst aus der Herstellung von Fahrzeugen völlig zurückgezogen. Es wäre wünschenswert dass eigene Werke für Fahrzeugen- und Neubauten zur Verfügung stehen. Im Wettbewerb mit der Industrie könnten solche Werke dafür sorgen dass durch Konkurrenz realistische Konditionen für die Lieferung eingehalten werden. Außerdem könnten sie im Rahmen von Entwicklungsprojekten auch für gerichtete Innovation sorgen.

Bei Baustellenprojekten sollten völlig andere Prioritäten gesetzt werden. Die erste Priorität muss ein fehlerfrei funktionierender, reichlich mit Fahrtrassen ausgestatteter Fahrweg sein. Die nächste Priorität sollte das Sicherungssystem bekommen, dann die darauf verkehrenden Fahrzeuge. Dafür sollte das zur Verfügung stehende Geld und Kapazitäten zu aller erst verwendet werden. Alles andere wie erhöhte Bahnsteigen, Schallschutzwände, Behindertenzugänge etc. können bei entsprechender Finanzlage auch im laufenden Betrieb nachgerüstet werden. Es macht keinen Sinn, wenn man moderne, hohe Bahnsteige, Schallschutzwände und Aufzüge hat, wenn auf der Strecke doch kaum Züge verkehren.

Typischer Umgang mit Infrastruktur bei der Deutschen Bahn

Jahrzehntelang wurden die Reduzierung der Personalkosten als Hauptmittel zur Reduzierung des Defizits angesehen. Bahnhöfe, die früher mit einem Bahnhofsvorstand, Rangierern und Stellwerkspersonal besetzt waren hatten kaum Probleme mit Vandalismus oder Fehlverhalten von Personen im Bahnhofsbereich. In allen großen Bahnhöfen stand Bahnpolizei zur Verfügung, die schnell, fachkundig und unbürokratisch eingreifen konnten wenn es doch nötig war. Das Fehlen von Personal dürfte mittlerweile höhere Kosten verursachen als die eingesparten Gehälter. Während entlang der Straße 24/7 ein großer Teil der Polizeikräfte kostenfrei zur Sicherung und Lenkung bereitsteht, müssen bei Ungeregeltheiten im Bahnverkehr Polizeikräfte, die mit Anlagen und Bahnbetrieb wenig vertraut sind, mit großer Zeitverzögerung herbeigerufen werden. Das ist ungefähr so als ob man auf einem Flughafen einen Beamten zur Abfertigung eines Koffers aus der örtlichen Polizeidienststelle ruft.


Wartende Reisende, zu wenig und zu kurze Züge

Wünsche bzw. Bedürfnisse von Fahrgästen werden kaum berücksichtigt. Vorschläge von kompetenten Gruppen wie ProBahn werden genauso ignoriert wie die von lokalen Initiativen, die Vorschläge zu Erleichterungen und Verbesserungen im Betriebsablauf machen. Oft enden diese Vorschläge irgendwo am Dienstweg und werden dort durch eigentlich unqualifizierte Mitarbeitet in Schubladen versenkt. Wo ist eine zentrale Abteilung, wo Vorschläge eingereicht werden können und die über die deren Autor auch über den Diskussionsweg darüber informiert und einbezieht?


Bereitstellung eines Nachtzugs nach Polen in München Hbf

Eisenbahnfreunde sind die beste Werbung für die Bahn. Es gab Zeiten wo die deutsche Bahn für ihre Fans eine eigene Zeitschrift herausgegeben hat. Besucher waren in Werkstätten willkommen und ihre Berichte haben zum Verständnis für die Bahnabläufe beigetragen. Mittlerweile werden Besucher als Sicherheitsrisiko dargestellt und möglichst weit von Bahnanlagen verbannt. Diebstahl von Kabeln, Vandalismus und Unfallgefahr durch Unbefugte im Gleisbereich wird aber durch die Anwesenheit von Fans, insbesondere solchen mit Kameras, eher verringert als vergrößert. Die DB sollte daher Gruppen wie ProBahn oder historische Bahnen viel mehr in ihre Werbungs- und Kommunikationspraxis einbeziehen. Relevante Kritik kann nur zur Verbesserung des Betriebs führen. Und Kritik ist weniger relevant wenn sie von einer Journalistin geäußert wird, die völlig bahn-fremd ist und ihr Wissen auf stichpunktartige Recherchen basiert als eine solche von Eisenbahnfreunden, die sich oft schon seit Jahrzehnten mit der Materie beschäftigen und oft die Betriebsabläufe besser kennen als Personal, das oft nur kurzzeitig oder seit kurzem bei der Bahn arbeitet. Das gilt insbesondere für permanent wechselnde Manager, externe Berater, die noch nie in einem Zug gesessen sind, und Verkehrspolitiker.



Sources:


Morgentliche Ankunft des Nightjet aus Venedig in München Hbf 2021