Von Hofstad nach Hoofdstad
Die Hauptstadt der Niederlande ist Amsterdam. Auf niederländisch ist es damit die „Hoofdstad“. Der Sitz der Regierung ist dagegen in Den Haag, wo sich auch das Paleis Noordeinde, der Arbeitssitz des Königs befindet. Den Haag ist damit auf niederländisch die Stadt des Hofs, also die „Hofstad“. Der König hat aber natürlich auch ein Palais in Amsterdam, das Palais auf dem Dam.
Das Bernhardviadukt überspannt das Ende der Bahnsteige des Hauptbahnhofs Den Haag und bietet einen herrlichen Blick auf die Züge.
Ein Tag mit strahlend blauem Himmel. Für Beginn März ist es eigentlich viel zu warm. Das Wetter lädt ein zu einem Besuch in Europas verrücktester Hauptstadt. Von Den Haag eine Entfernung von weniger als 60 km, für die die Nederlandse Spoorwegen zwischen 38 min und 53 min nötig haben, abhängig davon von welchen Bahnhof in Den Haag, HS oder Centraal, man abfahren will, wo man in Amsterdam ankommen will, Centraal oder Zuid, oder ob man über den Flughafen Schiphol oder über Haarlem fahren will.
Das Viadukt bietet auch einen alternativen Zugang zu den Bahnsteigen, falls man weiß wo sein Zug abfährt.
Ein Blick auf die Internet Information der NS zeigt deutlich, dass auf dem Trajekt Richtung Amsterdam was nicht stimmt. Aber es gibt noch ein paar direkte Verbindungen auf beiden Strecken, von Den Haag HS nach Amsterdam Centraal, oder von Den Haag Centraal nach Amsterdam Centraal oder Zuid. Ich entscheide mich den Zug um 9.50 von Den Haag Centraal nach Amsterdam CS über Haarlem zu nehmen. Ich sollte dann um 10.40 in Amsterdam CS sein.
Ein aus Richtung Utrecht ankommender Zug
Die Leute, die am Bahnhof Den Haag Centraal geplant oder gebaut haben, müssen große Fans des Films Metropolis von Fritz Lang oder der Bücher von Aldous Huxley oder George Orwell sein. Eine größere Ausgrenzung von Humanität und Natur kann man sich eigentlich bei einem Bauwerk nicht mehr vorstellen. Die Farbe grün ist hier absolut nicht vorgesehen. Grau ist der vorherrschende Farbton. Die Kleidung der meisten Benutzer ist an diese Umgebung angepasst.
Die Treppen vom Bernhardviadukt zu den Bahnsteigen
Hier sind eine Metrolinie, zwei sich kreuzende Straßenbahnlinien und der Kopfbahnhof der Eisenbahn miteinander verknüpft. Alle haben ihre eigenen Haltestellen. Die viergleisige Haltestelle einer Straßenbahnverbindung und der 12 gleisige Kopfbahnhof selbst sind auf Straßenniveau, darüber befindet sich quer dazu eine andere viergleisige Straßenbahnhaltestelle und außerhalb der Halle gibt es einen riesigen Busbahnhof. Eine Etage höher ist noch der Terminus der Metrolinie nach Rotterdam der durch einen futuristischen Flyover erreicht wird.
Selbst ich muss allerdings zugeben dass alles relative gut zugänglich und übersichtlich ist. Zumindest für die Eingeweihten. Neben den Treppen gibt es zwischen den Niveaus immer zwei Rolltreppen auf und abwärts. Obwohl davon einige nicht in Betrieb sind kann man immer noch auf die Aufzüge zurückgreifen.
;Die Kartenleser die den Zugang zu den Zügen der NS in Den Haag Centraal geben
Der Bereich des Bahnverkehrs ist mit den bekannten Zugangspforten abgeschlossen, die man sich wohl vom Bahnbetrieb in Großbritannien oder von den verschiedenen Metro-Netzen der Welt abgeschaut hat. Sie sollen wohl Schwarzfahrer und andere unangenehme Elemente davon abhalten die Züge unsicher zu machen. Hier gibt es auch besonders viele, denn die Bahnsteige sind nicht nur über die ganze Breite des Bahnhofs damit versehen sondern auch von oben noch an mehreren Punkten weiter vorne in der Halle und am anderen Ende von einer Straßenbrücke zu erreichen.
Die blau-gelben Züge der NS und die alten, rot-beigen Straßenbahnen der Den Haager HTM sind immerhin in der Lage der Szenerie ein gewisses Kolorit zu verleihen. Unter der niedrigen Decke über den Bahngleisen, die den Busbahnhof darüber trägt, wirken aber selbst die massigen Doppeldeck-Züge bedrückt.
Die Straßenbahnhaltestelle der Linien 2, 3, 4, 6 über den Fernbahngleisen des Bahnhofs
Der Bahnhof Den Haag Centraal entstand nach Plänen des Bahnhofsarchitekten K. van der Gaast in den Jahren 1973-1975, also der Zeit, in der der Niedergang der internationalen Architektur seinem dunklen Tiefpunkt nahe war. Das Gebäude entlang des Kopfendes der Gleise mit einer brutalistisch eintönigen zehnstöckigen Bürofront ersetzte den enormen Bahnhof Den Haag Staatspoor aus 1870, ein echtes Juwel der Biedermeierzeit. Es hat selbst Van Gogh zu einer Zeichnung inspiriert.
An beiden Endes des Straßenbahnsteigs gibt es Rolltreppen und einen Lift
Der Bahnhof Staatspoor aus 1870 war der zweite Bahnhof von Den Haag. Er entstand durch den Bau der Bahnstrecke Richtung Utrecht und Deutschland. Der erste Bahnhof in der Stadt war allerdings Den Haag Hollandspoor an der Bahnstrecke Amsterdam – Leiden – Rotterdam, die schon 1843 weit entfernt vom Stadtzentrum eröffnet worden war. Ursprünglich waren beide Bahnhöfe nicht einmal durch eine Bahnstrecke verbunden, da sie im Besitz unterschiedlicher, miteinander konkurrierender Bahngesellschaften waren. Das dortige Stationsgebäude ist noch immer das Neorenaissance Gebäude aus dem Jahr 1891, das von der NS nicht nur regelmäßig liebevoll renoviert wird sondern nach einem verheerenden Brand 1988 wieder im Originalzustand wiederhergestellt wurde.
Am Straßenbahn Bahnsteig
Beide Bahnhöfe hatten einen abgesonderten Empfangsbereich, wo auch der König und seine Familie auf den Zug warten konnten. Wahrscheinlich konnten sie dort auch ihre Fahrkarten kaufen…. Der ehemalige königliche Warteraum des Bahnhofs Den Haag Staatsspoor wurde beim Abbruch als einziges Detail gerettet und befindet sich mittlerweile im niederländischen Eisenbahnmuseum in Utrecht. Der königliche Warteraum in Den Haag HS dagegen ist noch im Original an Ort und Stelle vorhanden und wurde vor einigen Jahren zum letzten Mal verwendet, als der König mit dem Zug zu seinem jährlichen Geburtstagsausflug aufbrach. Für seine Kutsche ist ein separater, überdachter Zugang vorgesehen. Normalerweise bevorzugt er den Transport per Helicopter oder verursacht mit einer Autokolonne ein Verkehrschaos. Immerhin behindert er damit den Bahnverkehr nicht. Manchmal ist der königliche Wartebereich im Bahnhof HS für Besichtigungen durch das Volk geöffnet.
Die Bahnhofshalle in Den Haag Hollandsspoor
Glücklicherweise verschwindet miserable Architektur meistens auch bald wieder. Zwischen 2003 und 2011 wurde zwischen dem Koloss des Bürogebäudes des Bahnhofs Den Haag CS und dem Gleisbereich die jetzige Glas- und Stahlkonstruktion gebaut. Im Augenblick ist der Bereich außerhalb des eigentlichen Bahnhofsgeländes eine große Baustelle wo ein völlig neues Gebäude entsteht, das den Übergang vom Bahnhof zur Stadt herstellen soll.
Die königliche Warteräume in Den Haag Hollandsspoor
Diese Toilette wurde von Königen und Königinnen benutzt
Der Kommerz im Bahnhof Den Haag Centraal ist auf den hinteren Teil der Eingangshalle beschränkt. Damit sind die verschiedenen Geschäfte den Reisenden nicht im Weg. Lediglich einer der Kioske hat ein Fenster von beiden Seiten der Zugangsbarrieren, so dass man sich hier auch noch was holen kann wenn man schon im abgesperrten Bereich ist. Diese Kiosks sind eine der angenehmen Seiten einer Zugfahrt in den Niederlanden. Es gibt sie auf vielen Bahnhöfen und hier in Den Haag gleich mehrere. Man kann da kleine Snacks, Kaffee und Tee kaufen. Bringt man seinen eigenen Becher mit, dann bekommt man sein Getränk billiger. Allerdings muss man dann den ganzen Tag den eigenen Becher mit sich herumtragen.
Die oberen Straßenbahnlinien durchqueren die Nachbargebäude
Als ich mir 10 min vor der Abfahrt des Zuges meinen Kaffee geholt habe und den Bahnsteig erreicht habe stellt sich raus dass der Zug um 9.50 nur bis zum ersten Stopp, Leiden fährt. Offenbar ist irgendwo hinter Leiden ein Zug liegen geblieben. Das Wegräumen des liegengebliebenen Zuges soll bis 11 Uhr dauern.
Die untere Haltestelle der Straßenbahnlinien 9, 15, 16 und 17
Auch hier rächt sich dass alles durchrationalisiert ist. Es gibt keine Weichen, um andere Züge auf dem 2. Gleis an dem havarierten Zug vorbei zu leiten, Reserve-Lokomotiven und Lokführer um Züge schnell abzuschleppen müssen erst zeitraubend von weit herbei geholt werden und das dauert seine Zeit. Und dann ist natürlich die Frage warum der Zug überhaupt liegengeblieben ist.
Der Zugang zu den Metrozügen nach Rotterdam
Aber ich kann mich glücklich schätzen dass ich nicht in dem Zug sitze, der da irgendwo auf der Strecke steht. Dort sitzen die Fahrgäste fest bis der Zug in einen Bahnhof geschleppt werden kann und dort ein Ersatzzug auftaucht. Das wird also mindestens bis um 11 dauern. Ich dagegen kann immerhin bis Leiden fahren und dann dort den nächsten Zug Richtung Amsterdam über Schiphol nehmen.
Blick von der oberen Strassenbahnhaltestelle auf den Busbahnhof
Pünktlich um 9.50 verlässt dieser Zug den Bahnhof zu seiner hoffnungsvollen aber kurzen Fahrt Richtung Leiden, wo ich dann umsteigen will. Befriedigt nehme ich den ersten Schluck von meinem Capuccino. Es wundert mich allerdings etwas dass kurz nach der Abfahrt die Strecke Richtung Amsterdam nach links verschwindet. Nun wurde der Bahnhof Den Haag CS vor kurzem umgebaut um die Zahl der bei der NS so verhassten Weichen zu verringern. Aber dann sollte der Zug doch trotzdem auf die Strecke Richtung Amsterdam fahren….
Zeit für einen Kaffee nach der Abfahrt des Zuges
Tatsächlich bleiben wir plötzlich im Gleisvorfeld des Bahnhofs stehen. Eine Weile passiert nichts. Dann kommt die Durchsage. Der Verkehrsleiter hat den Zug tatsächlich auf die falsche Strecke geleitet. Wir stehen auf dem Gleis Richtung Utrecht. Es dauert jetzt eine Weile bis man sich überlegt hat wie man dieses Problem am besten auflöst.
Zwischen Leiden und Haarlem fährt der Intercity entlang diese Kanals durch die Blumenfelder
Eine erneute Durchsage kündigt an dass man wieder nach Den Haag Centraal zurückfahren wird wenn der Lokführer den Rückwärtsgang gefunden hat… also sich in den Führerstand am anderen Ende des vierteiligen Zuges begeben hat um von dort zielgenau wieder das Ende des Gleises im Kopfbahnhof von Den Haag Centraal ansteuern zu können. Auf den Anzeigeschirmen wird für die Ankunft in Leiden mittlerweile eine Verspätung von 16 min angegeben.
Der Bahnhof Lisse and der Strecke Leiden - Haarlem, der wohl zumindest während der Öffnungszeiten des Keukenhofs die meisten Fahrgäste an dieser Strecke sehen würde, ist seit Jahren nicht mehr in Gebrauch, beherbergt aber ein angenehmes Cafe
Nach ein paar Momenten kommt eine weitere Durchsage. Aufgrund der Verspätung fällt die Fahrt nach Leiden jetzt gleich ganz aus. Man soll nach der Rückkehr zum Bahnsteig in Den Haag Centraal den Zug nach Amsterdam auf Gleis 10 nehmen. Der fährt dann allerdings nach Amsterdam Zuid, nicht nach CS.
In den Straßen von Amsterdam
Eigentlich sollte der Zug auf Gleis 10 schon um 10.02 abgefahren sein. Um ihn zu erreichen muss man erst um das Ende der Gleise herum zum anderen Bahnsteig. Nachdem der Zug zum Halten gekommen ist stürzt sich der gesamte Inhalt nach draußen und rennt was die Beine hergeben zum anderen Gleis. Dort wartet der Intercity von 10.02 noch geduldig mit offenen Türen.
Im Park in Amsterdan
Ich hatte befürchtet dass ich jetzt bis Amsterdam Zuid in einem vollen Zug stehen muss. Aber trotz des Ausfalls eines guten Teils der Verbindungen ist der Zug ziemlich leer. Vielleicht hat die NS durch die dauernden Zugausfälle, Verspätungen und durch ihr denegierendes Verhalten gegenüber ihren Kunden langsam erreicht, dass viele doch lieber mit dem Auto fahren und dann in Amsterdam 30 € pro Tag für einen Parkplatz bezahlen. Brauchen kann man ein Auto im Zentrum von Amsterdam eigentlich nicht, es ist nicht nur teuer, sondern auch im Weg.
Eine Auswahl von Brücken in Amsterdam
Man sollte erwarten dass die Zugangspforten die Zahl der Schwarzfahrer wesentlich verringert. Wenn das nicht so wäre hätten sie ihre Daseinsberechtigung ja verfehlt. Trotzdem wird in den Zügen der Niederländischen Eisenbahnen eifrig kontrolliert. Das wiederum führt zu Aggressionen, die sich zunehmend am Personal entladen. Schaffner werden geschlagen, aus dem Zug und von Treppen geworfen. Die Kontrolleure ähneln deshalb auch häufig mehr einer paramilitärischen Militäreinheit als einem traditionellen Zugbegleiter, der durch seine freundlich humoristische Autorität den Zug regiert.
Wegen der Herausforderung von Schwarzfahren und Gewalttätigkeit der Fahrgäste hat sich die NS eine neue Schikane überlegt – die großangelegte Kontrolle. Ein Bahnhof, diese Woche Voorburg, wird ausgewählt. Dort werden alle Züge angehalten, auch solche die dort normalerweise nicht stoppen wie die Intercitys, alle Fahrgäste kontrolliert und die ohne Fahrkarte aus dem Zug entfernt.
Bahnhöfe, die für eine solche Aktion ausgewählt werden, müssen eine Reihe von Kriterien erfüllen. Dazu gehört ein Inselbahnsteig, so dass es den Missetätern nicht möglich ist, zu entwischen. Aufgrund des unberechenbaren lokalen Wetters sollte ein Großteil des Bahnsteigs überdacht sein so dass die Ordnungshüter bei Ausübung ihrer Pflichten nicht der Witterung ausgesetzt sind.
Bahnhof Amsterdanm Zuid
Einmal dort versammelt, warten dann auf den Bahnsteigen Dutzende von Zugbegleitern und die Polizei, die die angehaltenen Züge stürmen. Auf dem Bahnsteig wird gleich die Geldstrafe kassiert. Der ganze Prozess kostet natürlich seine Zeit. Dadurch sind alle Züge verspätet. Das erfreut die ehrlichen Fahrgäste sicher nicht besonders.
Bahnhof Amsterdanm Zuid
2024 fuhren schätzungsweise 350.000 Fahrgäste der NS ohne gültige Fahrkarte. Neuere Zahlen gibt es nicht. Bei 440 Millionen NS Fahrgästen jährlich fahren also weniger als 0.1 Prozent schwarz. Um diese 0.1 Prozent zu erwischen werden 99.9 % oder 436 Millionen Fahrgäste durch entwürdigende Kontrollen und einen verzögerten und verspäteten Betrieb verärgert. Die ehrbare Mehrheit wird wie Verbrecher behandelt.
Moderne Architektur an der Amsterdamer Zuidas
Auf dem Weg nach Amsterdam Zuid gibt es heute keine weiteren Verzögerungen. Der Bahnhof dort hat ästhetisch nichts zu bieten. Je ein Bahnsteig mit zwei Gleisen pro Richtung für die Züge und zwei unübersichtliche Bahnsteige für die Metro drängen sich zwischen die parallel zur Bahn verlaufende Autobahn und die Glasarchitektur der sogenannten Amsterdammer Zuidas, gebaut für den skrupellosen und schnellen Verdienst von viel Geld. Das Glas soll wahrscheinlich Offenheit und Helligkeit suggerieren. Für den Passanten sind diese Gebäude genauso undurchsichtig wie die meterdicken Mauern einer mittelalterlichen Festung.
Vom Bahnhof Zuid muss man über den Zuidplein zur erhöht angelegten Straße laufen wo auf einer Insel zwischen den Fahrbahnen einer vielbefahrenen Straße die für die Anzahl der wartenden Reisenden viel zu schmalen Bahnsteige der Straßenbahn liegen. Hier kann ich die Straßenbahn Nummer 5 nehmen, die in das touristische Zentrum fährt.
Jedes Mal wenn ich nach Amsterdam komme frage ich mich warum ich hier nicht öfter bin. Selbst außerhalb des eigentlichen Grachtengürtels, des historischen Zentrums, hat man in dieser Stadt immer was neues zu entdecken. Die Route der Straßenbahn Nummer 5 wird gesäumt von den ästhetischen Kolossen der Backsteinarchitektur aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg. Ob die Glasgebäude der Zuidas auch einmal eine Attraktion werden wie die roten Arbeiterpaläste des Wohnungsbaus der Amsterdamer Schule?
Trotz der monumentalen Bauwerke hat das Leben hier in der Stadt viel vom Charakter eines Dorfes bewahrt. Die Erdgeschosse der Gebäude sind Geschäften vorbehalten. Einzelhändler säumen die Straßen. Dazwischen Cafés und Restaurants. In vielen vergleichbaren Orten in anderen Ländern wird zum Einkaufen automatisch ins Auto gestiegen. Hier benutzt man das Fahrrad oder läuft. Alles ist in der Nähe. Giga-Supermärkte mit Parkplätzen so groß wie ein ganzer Straßenzug, die in deutschen Städten die Innenstädte entvölkert haben, sucht man hier vergeblich.
Die Pissoirs an den Grachten von Amsterdam
Das eigentliche historische Zentrum von Amsterdam, der Grachtengürtel, wird oft mit Venedig verglichen. Beide werden von einer ähnlichen Invasion von Touristen überschwemmt. Heute scheint die Vorzugssprache entlang der Grachten Spanisch zu sein. Diese Besucher fühlen sich heute wahrscheinlich wie zu Hause – Anfang März hat die Temperatur Werte erreicht wie sie um diese Zeit oft in Malaga oder Barcelona nicht erreicht werden.
In Amsterdam sind im Gegensatz zu den meisten anderen holländischen Städten die Grachten voller Boote
Der Vergleich von Amsterdam mit Venedig hinkt natürlich – während die Lagunenstadt als Archipel isoliert im Wasser liegt und ökonomische Aktivitäten und Bewohner sich aufs Festland in Mestre abgesetzt haben, ist der Grachtengürtel integriert in einen Ring neuerer Bebauung. Der Autor Geert Mack, der viel über Amsterdam geschrieben hat, vergleicht es mit den Schichten einer Zwiebel. In einem seiner Bücher beschreibt er die Fahrt mit der Straßenbahn, die bei der Fahrt von der Vorstadt durchs Zentrum in die gegenüberliegende Vorstadt alle diese Entstehungsperioden durchschneidet.
Was das Grachtenzentrum von Amsterdam auch von Venedig unterscheidet ist die noch immer uneingeschränkte Präsenz des Autos. Der größte Teil des verfügbaren Raums wird durch geparkte Autos verbraucht. Selbst wenn ein Autofahrer jeden Tag 30 € Parkgebühr bezahlen würde, käme er damit im Monat nicht teurer weg als ein Student, der ein Zimmer von etwa der gleichen Grundfläche wie das geparkte Auto mieten will. Ein Anachronismus.
Amsterdamertjes
Die Wege zu beiden Seiten der Grachten werden Singles genannt. Die Breite der Singles wird zur Hälfte von geparkten Autos eingenommen, von der anderen Hälfte sind ¾ Fahrspur, der Rest bleibt den Fußgängern. Das Laufen auf der Fahrspur wird nicht nur durch den beschränkten Autoverkehr zu einem Hasardspiel – Fahrräder, viele davon zunehmend kraftvoll elektrisch motorisiert, und die absolut ruchlos fahrenden Mopeds bedrohen den Fußgänger aus beiden Richtungen und greifen auf jeden Fall lieber zur Hupe als zur Bremse. Der eigentliche Gehsteig vor den monumentalen Gebäuden ist aber so schmal, dass zumindest bei Begegnungen der Wettkampf entbrennt, wer von beiden sich in die Gefahrenzone des Fahrstreifens begeben muss.
Fuß eines Treppengeländers
Dazu kommt dass viele der Amsterdamer Grachtenhäuser ein Souterrain haben. Ein Teil des Platzes auf dem Gehsteig wird von Treppenaufgängen zur Hochparterre beansprucht. Oft schützen kunstvoll geschmiedete Geländer die Benutzer dieser Treppen davor auf die Straße zu fallen. Dagegen gibt es für die Passanten auf dem Gehsteig keine Sicherung die sie davor behütet in eines der Löcher zu fallen, die mitten auf dem Trottoir als Zugang zu den Souterrains dienen. Und selbst wenn man nicht in ein Loch fällt kann man noch schmerzhaft mit einem Amsterdamertje in Berührung kommen – wobei darunter nicht einer der Bewohner dieser imposanten Stadt gemeint ist, sondern so werden hier die etwa hüfthohen Metallpfosten genannt, die den Automobilisten daran hindern sollen auch noch vom Gehsteig als Parkplatz Gebrauch zu machen. Statt die stattlichen Gebäude mit ihren schiefen Fenstern zu bewundern sollte der Spaziergänger daher lieber seine gesamte Aufmerksamkeit auf den Boden vor sich und den Verkehr neben, vor und hinter sich richten. Das Laufen ist doch in Venedig deutlich einfacher.
Bei jedem Spaziergang entdeckt man neue Details. Da ist das Leprosentor, früher der Eingang zum Leprosenasyl, kunstvoll geschmückt mit zwei Statuen der Kranken, die gar nicht so krank aussehen. Früher war Lepra eine allgegenwärtige, durch Bakterien verursachte und sehr ansteckende Infektionskrankheit, die zur Isolation der armseligen Kranken führte. Viele Städte hatten Zufluchtsorte für die Opfer. Heute gibt es Antibiotika gegen Lepra.
Kunstvoller Statuenschmuck war früher ein Merkmal für den Reichtum und den Geschmack der Auftraggeber. Selbst eine banale Brücke wurde reich verziert. Die Blauwbrug ist gekrönt mit Säulen, die gold-blaue Kronen als Symbol für die Stellung der Stadt tragen. Die niedrigen Pfeiler sind verziert mit Darstellungen der Boote, die den Reichtum der Stadt begründet haben.
Viele der Touristen haben natürlich während ihres City Trips vor allem ein Ziel – Shopping. Im Bereich des Grachtengürtels haben sich immer mehr Geschäfte auf die Bedürfnisse der Besucher ausgerichtet. Eine Karte zeigt wie viele Läden sich dem Verkauf von Badeenten, Süßigkeiten oder der sogenannten Stroopwafels (mit Marmelade gefüllter Waffeln) gewidmet haben. Es muss fantastisch zu sein, wenn man nach Hause kommt und seinen Freunden die in Amsterdam als Souvenir erstandene Plastikente zeigt. Die ebenso in Rom, Malaga oder Venice Beach verkauft wird. Glücklicherweise scharren auch noch ein paar normale Enten zwischen den Fahrradwracks nach Essensresten.
Natürlich gibt es auch noch ein paar normale Etablissements für den täglichen Bedarf. Ich passiere eine „Savonnerie“, „Ijscupje“, „Sue Bites Bar“, Kleider kauft man im Vintage Laden, Schuhe beim Designer. Dazwischen eine Drogerie und ein Fotograf.
In einer anderen Straße stehen die Schaufenster im Zeichen eines permanenten Halloween. Ein Laden namens Diabolo verkauft weiße Designklamotten, die gut zu einem Auftritt von Lady Gaga oder einem narzisstischen Auftritt beim Karneval in Venedig passen würden. Allerdings ist die Zeit des Karnevals vorbei…. Das offenherzige weiße Top ist wohl von den Schwänen inspiriert, die rastlos in den benachbarten Grachten vor den Partybooten flüchten.
Die Schaufensterpuppe als Kunstwerk. Der Laden gegenüber verkauft durch Harajuku inspirierte Avantgarde Outfits. Metallische Texturen, lila Fantasy-Perücken und magische Elemente versuchen, die Gothic Lolita zu definieren. In den Straßen von Tokio treffen sich damit ausstaffierte, selbstverliebte Teenagers zu Photoessions mit voyeuristischen Fotografen. In die Singles von Amsterdam haben diese Kleider es bisher noch nicht geschafft. Vielleicht wäre der Bahnhof von Den Haag Centraal ein geeigneter Fotohintergrund.
Stoffladen
Ein Geschäft verkauft Stoffe. Kissenbezüge nach Vorbildern von Bildern von Frida Kahlo oder mit Abbildungen der Virgin von Guadelupe zieren das Schaufenster. Drinnen messen die Verkäufer die Stoffe ab. Auf in den Klub mit einem Designershirt mit der Virgin van Guadeloupe.
Auf dem Waterlooplein verkauft ein ganzer Markt Vintagekleider oder was man dafür halten kann. Abbildungen der Grachtenhäuser, die sich niemand mehr leisten kann, zieren Jute Taschen. Van Gogh ist verkommen zum Motiv zur Einkleidung stinkender Füße. Auch Marihuanablätter sind als Illustrationen offenbar gefragt. Dazu passt der VW Bus, der einst als fahrbarer Untersatz für den Drogen inspirierten Hippietrail nach Indien über Iran und Afghanistan benutzt wurde, aber heute Transformatorhäuschen, Socken und Taschen schmückt. Die Politik hat dafür gesorgt dass die sorglosen Zeiten des Hippietrails vorbei sind.
Früher waren die Drogendealer an jeder Straßenecke des Grachtengürtels von Amsterdam vertreten. Durch Pfiffe haben sie einander gewarnt vor nahenden Ordnungshütern. Die Gelegenheit zum straflosen Drogenkonsum aus dem Koffieshop war damals ein Grund für die Jugend aus ganz Europa um nach Amsterdam zu kommen. Aber Koffieshops sind zu Marihuana Museen für Touristen mutiert. Selbst die Prostitution ist von den früheren Wallen größtenteils verschwunden. Die frühere Red light bar wirbt mit Pool, Sky sport, Sport video screens, All football shown here, bundesliga, rugby, premier league ….
Daneben wirbt das friet bordeel für seine Kartoffeln mit Illustrationen von leicht bekleideten Frauen in Buntglasfenstern. Die Kartoffel, von Van Gogh als Essen der Armen gemalt, wird in Läden, wo Berge von Kartoffeln die Schaufensterauslage zieren, zur Spezialität zelebriert. Daneben offeriert die Black Tiger Bar, deren Leuchtreklame einen weißen Tiger zeichnet, Hamburger oder Shoarma, die anderen typisch lokalen Spezialitäten.
Große weiße Tafeln warnen davor, dass Trinken in der Öffentlichkeit auf der Straße verboten ist. Auch die Folge des Trinkens, die populäre männliche Erleichterung in die Gracht, oder auf Holländisch, „wildplassen“ ist verboten. Dabei ist früher so mancher in der undurchsichtigen schwarzen Brühe gelandet…. Andere Schilder warnen davor Drogen von Straßenhändlern zu kaufen, da sie vergiftet sein könnten.
Die Gentrifizierung hat die Preise von Kaffee bis Wohnraum hoch getrieben. Ich habe mich verabredet in einem Café, wo die Einnahmen durch den Verkauf einer Kombination einer beschränkten Auswahl von Vintage Sonnenbrillen, einer Handvoll verschiedener Postkarten zu 5 € das Stück und einem Dutzend kleiner Kunstwerke an der Wand gesteigert werden sollen. Eine lautlose Videopräsentation über den Niedergang von Korallenriffen zeigt einladende Bilder um ins Flugzeug zu steigen und die Reste des Great Barrier Reefs zu besuchen solange es noch besteht. Enthusiastische und gut aussehende junge Mädchen verkaufen Getränke und Cookies. Die Gäste gehören zur Matcha Latte Crowd, aber natürlich mit Mandel-, Kokos- oder Hafermilch. Mit Geschmacksvariationen wie Lion’s mane Mushrooms, Agave oder Vanilla Syrup hat das nichts mehr mit dem traditionellen japanischem Tee zu tun. Und man lernt immer was neues kennen…. heute ist es Hojicha.
Die Ähnlichkeit von Centraalstation und Rijksmuseum ist nicht zu leugnen
Für den Rückweg wähle ich lieber die Abfahrt vom imposanten Bahnhof Amsterdam CS. Er entstand 1889 zur selben Zeit wie der Bahnhof HS in Den Haag in einer Mischung aus NeuGothic und NeoRenaissance Stil. Der Architekt Pierre Cuypers hat auch das Rijksmuseum gebaut. Zum Bau des Bahnhofs auf drei sumpfigen Inseln in der Ij waren 8687 Holzpfähle nötig. Neben dem konstruktiven Aufwand wurde auch an Schmuck nicht gespart. Zwei Türme tragen eine Uhr, die früher bei jedem Bahnhof schon von weitem sichtbar war, und der andere einen Windweiser, der die Windrichtung von der Fahne auf der Spitze auf ein Ziffernblatt überträgt.
In der Bahnhofshalle von Amsterdam CS
Auch hier gibr es an der Ostseite einen Pavillon der einen königlichen Warteraum beherbergte. Innen gibt es sogar einen Parkplatz für die königliche Kutsche oder später das Auto. Der König könnte auch noch heute in Stil von seiner Hofstad in die Hoofdstad reisen wenn er nur wollte.
Auf dem Heimweg gibt es Probleme zwischen Den Haag und Rotterdam, und dann zwischen Rotterdam und Dordrecht. Ich hoffe niemand muss heute noch in einen der gottverlassenen Winkel des Landes wie Zeeland, die genauso wie Maastricht, Den Helder oder Groningen nur über eine Bahnlinie zu erreichen sind und daher häufig für Stunden per öffentlichen Nahverkehr nicht erreichbar. Ich selbst kann stilvoll und pünktlich den Heimweg im Intercity hinter mich bringen. Das Abteil ist mit Bücherrückendekorationen beklebt. Die NS ist der Hauptsponsor des niederländischen Bücherwoche.
Virtuelle Bücherregale im Intercity
Sources:
The Hague, An Architectural Guide, G. Boersma, B&L. Mellink, 010 Publishers, Rotterdam 2011
Das beleuchtete Flügelrad als Symbol für die Eisenbahn überragt den nächtlichen Bahnhof Amsterdam Centraal
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